Eine Risikokarte beantwortet noch keine Beschaffungsfrage. Sie zeigt, wo es brennen kann. Sie sagt nicht, was eine Feuerwehr dort können muss. Den Übergang schaffen Planungsszenarien. Dieser Teil zeigt, wie wir aus der Rasteranalyse eines Landkreises zwei Szenarien abgeleitet haben. Daraus folgt ein gestuftes Schutzziel, und am Ende steht ein messbarer Einsatzwert statt einer Geräteliste.
Zur Einordnung
Dieser Beitrag basiert auf einem Wald- und Vegetationsbrandkonzept, das wir für einen Landkreis erstellt haben. Angaben zu Details und lokalen Spezifika haben wir unkenntlich gemacht.
An welchem Hebel setzt das Konzept an?
Das Risiko von Wald- und Vegetationsbränden lässt sich an zwei Stellen drücken. Der erste Hebel senkt die Eintrittswahrscheinlichkeit. Dazu gehören Aufklärung in der Bevölkerung, Absprachen mit Forstbetrieb und Landwirtschaft sowie waldbauliche Maßnahmen. Der zweite Hebel senkt das Schadensausmaß im Ereignisfall. Wer einen Brand früh detektiert, die Brandstelle zügig erreicht und ausreichend Löschwasser dorthin bringt, verhindert die weitere Ausbreitung.
Ein Feuerwehrkonzept setzt am zweiten Hebel an. Auf die operative Gefahrenabwehr haben Kreis und Kommunen direkten Einfluss. Prävention bleibt wichtig. Sie braucht aber Forstbetrieb, Landwirtschaft und die Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer. Deshalb läuft sie als eigener Strang parallel. Für den zweiten Hebel haben wir zwei Planungsszenarien definiert. Aus ihnen leiten sich einsatztaktische Grundsätze, Organisationsstruktur und technische Ausstattung ab.
Ein Planungsszenario ist keine Prognose
Ein Planungsszenario ist eine standardisierte Rechengrundlage. Es beschreibt eine denkbare Lage so konkret, dass sich daraus Taktik, Organisation und Technik rechnen lassen. Es sagt nicht voraus, wie der nächste Einsatz aussieht. Und es deckt nicht alle denkbaren Einsatzlagen ab. Diese Abstraktion ist gewollt. Wer jede mögliche Lage abbilden will, kann für keine konkret planen. Der reale Einsatz darf größer oder kleiner ausfallen. Die Planung bleibt belastbar, weil ihre Annahmen offenliegen.
Szenario 1: Flächenbrand am Siedlungsrand
Die Herleitung beginnt in der Risikokarte. Die meisten Rasterfelder mit hohem Risiko liegen am Rand von Siedlungsflächen und tragen flache Vegetation, etwa Wiesen oder Felder. Das hohe Risiko hat dort zwei Treiber. Spaziergänge, Fahrzeugverkehr und landwirtschaftliche Arbeit frequentieren diese Flächen stark. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Zündung. Und ein Brand kann auf die angrenzende Wohnbebauung übergreifen. Das treibt das mögliche Schadensausmaß.
Das Szenario beschreibt einen Flächenbrand von rund 50 mal 50 Metern beim Eintreffen der Einsatzkräfte, in direkter Nähe zur Bebauung. Die Rahmenbedingungen sind vergleichsweise günstig. Straßen sowie Feld- und Wirtschaftswege machen die Fläche gut zugänglich. Die niedrige Vegetation lässt sich betreten. Das öffentliche Hydrantennetz liegt nah, die Löschwasserversorgung ist damit kein Engpass.
Der Rollen-Split im ersten Zug
Die kommunale Planungsgröße für die Erstmaßnahmen ist die taktische Einheit Zug. Zug und Gruppe sind Einheiten nach der Feuerwehrdienstvorschrift 3 (FwDV 3). Innerhalb des Zuges sind die Rollen klar verteilt:
- Die erste Gruppe erkundet die Einsatzstelle mit einem Löschfahrzeug samt Vegetationsbrand-Ausstattung und gibt die erste Rückmeldung an die Leitstelle.
- Die zweite Gruppe baut den Ankerpunkt und einen Löschangriff in Bereitstellung auf und beginnt lageabhängig mit der Brandbekämpfung.
- Die Besatzung des zweiten wasserführenden Fahrzeugs baut parallel die Wasserversorgung aus dem öffentlichen Hydrantennetz auf.
So verliert der Zug keine Zeit an ungeklärte Zuständigkeiten. Erkundung, Ankerpunkt und Wasserversorgung laufen von der ersten Minute an parallel.
Szenario 2: Brand in schwer zugänglicher Vegetation
Das zweite Szenario stammt aus den Flächen mit hoher, dichter und zusammenhängender Vegetation. Das hohe Risiko liegt dort im möglichen Schadensausmaß. Denn präventive Maßnahmen gegen die Brandausbreitung sind nur begrenzt wirtschaftlich möglich und ökologisch sinnvoll. Es bleibt der zweite Hebel, und der ist aufwendig. Die Flächen sind zu Fuß und mit Fahrzeugen kaum bis gar nicht zugänglich. Der dichte Bewuchs verlangsamt jede Bewegung. Löschwasser ist vor Ort nicht in verlässlicher Menge zu erwarten.
Das Szenario beschreibt einen Brand, dessen Brandseite beim Eintreffen rund 50 Meter misst. Bei günstigem Wind breitet er sich rasch aus. Die Erstmaßnahmen folgen auch hier einem festen Muster:
- Die erste Gruppe erkundet die Einsatzstelle und dringt dafür bis zu 300 Meter tief in die schwer zugängliche Vegetation ein. Anschließend errichtet sie den Ankerpunkt und eine Riegelstellung mit modularer Schlauchverlegung und 100 Metern Wirkbreite an einer Flanke des Brandes.
- Eine weitere Gruppe errichtet die zweite Riegelstellung mit ebenfalls 100 Metern Wirkbreite auf der gegenüberliegenden Flanke.
- Wasserführende Fahrzeuge mit Truppbesatzung unterstützen die anfängliche Löschwasserversorgung.
Bis eine Löschwasserförderung über lange Wegstrecke steht, sichert ein Pendelverkehr die Versorgung. Wie wir Pendelverkehr und Förderstrecke bemessen haben, rechnet Teil 4 dieser Serie vor. Organisatorisch verlangt das Szenario eine Einsatzleitung in der Führungsstufe C nach der Feuerwehrdienstvorschrift 100 (FwDV 100). Das ist kein Selbstzweck. Zwei Riegelstellungen, Pendelverkehr und nachrückende Einheiten überfordern eine Zugführung ohne Führungsunterstützung schnell.
Drei Achsen machen die Szenarien vergleichbar
Wir haben beide Szenarien entlang derselben drei Achsen beschrieben:
| Achse | Szenario 1 | Szenario 2 |
|---|---|---|
| Zugänglichkeit | gut, über Straßen sowie Feld- und Wirtschaftswege | kaum bis gar nicht, lange Wege zu Fuß |
| Erwartete Flammenlänge | gering, flache und lichte Vegetation | hoch, dichter und hoher Bewuchs |
| Löschwasserlage | öffentliches Hydrantennetz in der Nähe | vor Ort unzureichend bis nicht vorhanden |
Die Flammenlänge ist mehr als eine Beschreibungsgröße. Sie ist die Kontrollschwelle für die Wahl der Einsatztaktik. Die Grenzwerte und die Systematik dahinter behandelt Teil 5 dieser Serie.
Szenario 1 kommunal, Szenario 2 kreisweit
Aus den beiden Szenarien folgt ein gestuftes Schutzziel. Jede Kommune muss Szenario 1 allein oder mit nachbarschaftlicher Hilfe beherrschen. Dafür hält sie Ausstattung und geschultes Personal vor. Szenario 2 stellt der Kreis über die interkommunale Zusammenarbeit sicher.
Für die kreisweite Stufe haben wir keine neue Einheit erfunden. Im Kreis bestehen bereits Bereitschaften für die überörtliche Hilfe. Deren Fahrzeuge erhalten die ergänzende Ausstattung für den Vegetationsbrand. Für Lagen der kreisweiten Stufe hinterlegt die Alarm- und Ausrückeordnung (AAO) diese Bereitschaften. Auf Anforderung unterstützen sie auch eine einzelne Kommune. Eine neue Sondereinheit hätte neue Führungswege, neue Ausbildung und neue Reibung bedeutet. Wer Bestehendes ertüchtigt, nutzt eingespielte Abläufe.
Zur Organisation gehört die Ablösung. Die Einsatzdauer einer Bereitschaft ist auf 12 Stunden ausgelegt. Wer länger braucht, plant den Wechsel von Beginn an mit, statt erschöpfte Kräfte an der Einsatzstelle zu halten.
Der Bedarf ist ein Einsatzwert
Den Bedarf je Kommune haben wir als Einsatzwert formuliert, nicht als Geräteliste. Jede Gruppe mit Grundausstattung muss drei Vorgehensweisen materiell und personell eigenständig einrichten und durchführen können:
- Vorgehen mit Löschrucksäcken und Handwerkzeugen mit einer Wirktiefe von 300 Metern
- Eindringen in die Brandfläche mit D-Löschangriff mit einer Wirkbreite von 100 Metern
- Löschangriff oder Riegelstellung mittels modularer Schlauchverlegung mit einer Wirkbreite von 100 Metern
Auch das Löschwasser je Vorgehensweise haben wir gerechnet, nicht geschätzt. Wir bemessen den Bedarf für eine volle Zeitstunde Wasserabgabe und schlagen 10 Prozent Sicherheitsreserve auf. Die Füllmenge der verlegten Schlauchleitungen rechnen wir ein. Beim Vorgehen mit Löschrucksäcken bleibt der Bedarf klein. Drei Rucksäcke fassen je 20 Liter. Zur Wiederbefüllung setzen wir rund 100 Liter an.
Alle Schlauchaufbauten rechnen einen Kurvenpuffer von 20 Metern ein. Schläuche liegen im Gelände nie auf der Luftlinie. Der Einsatzwert hat einen Vorteil. Er ist prüfbar. Ob eine Gruppe 100 Meter Riegelstellung eigenständig einrichten kann, lässt sich üben, messen und abnehmen. Ob ein Gerätehaus „gut ausgestattet“ ist, nicht.
Zwei Stellhebel sichern den Einsatzwert ab. Die Kommune muss die Technik vorhalten, die Einsatzkräfte müssen geschult sein. Ein Satz Ausrüstung ohne geschulte Gruppe hat keinen Einsatzwert. Eine geschulte Gruppe ohne Material genauso wenig.
Mindestmerkmale für das Fahrzeug
Auch beim Fahrzeug schreibt das Konzept keinen Typ vor. Es fordert Mindestmerkmale, die die Fähigkeit sichern. Die Zusatzbeladung orientiert sich an der DIN 14800-18. Im SOLL/IST-Abgleich stand dieses Anforderungsprofil dem Bestand jeder Kommune gegenüber:
| Anforderung | Mindestmerkmal (SOLL) | Bewertung |
|---|---|---|
| Mannschaft | neun Sitzplätze für die taktische Einheit Gruppe nach FwDV 3 | |
| Gelände | Fahrgestell möglichst Kategorie 3 (geländegängig), mindestens Kategorie 2 (geländefähig) nach DIN EN 1846, Allradantrieb | |
| Löschwasser | mindestens 1.200 Liter auf dem erstausrückenden Fahrzeug | |
| Pumpe | Feuerlöschkreiselpumpe mit Tank- und Saugbetrieb | |
| Zweites Fahrzeug | mindestens ein weiteres Löschgruppenfahrzeug zur Ergänzung der Wassermenge in der Erstphase | |
| Wasserpuffer | mindestens ein Faltbehälter ab 3.000 Litern je Kommune |
Die kommunenscharfen Bestands- und Defizitwerte des Auftraggebers zeigen wir hier nicht. Anforderungsprofil, Kompensationsregel und Rechenweg stehen vollständig im Text.
Bewertet haben wir mit einer Kompensationsregel. Ein fehlendes Tanklöschfahrzeug zählt nicht als Defizit, wenn die Kommune ein anderes Fahrzeug mit gleichem oder höherem Löschwassertankvolumen vorhält. Es zählt die Fähigkeit, nicht das Typenschild.
Für den Vergleich der Gerätetechnik mussten wir heterogene Bestandsdaten normieren. Die Wehren halten D-Druckschläuche in unterschiedlichen Längen vor. Für den SOLL/IST-Abgleich haben wir alle Bestände in laufende 15-Meter-Stücke umgerechnet. Erst danach sind die Zahlen vergleichbar. Der Fahrzeugbedarf war flächendeckend erfüllt, vereinzelte Lücken schloss die Kompensationsregel. Die Defizite lagen beim Kleingerät, allen voran bei den Löschrucksäcken.
Bei Fahrzeugen wird es persönlich
Solange über Rasterfelder und Flammenlängen gesprochen wird, bleibt die Diskussion sachlich. Sie kippt an dem Punkt, an dem konkrete Technik auf dem Tisch liegt. Wer gibt ein Fahrzeug ab, wer hält künftig für den Nachbarn mit vor, wessen Gerätehaus wird Logistikstandort? Dahinter stehen Jahrzehnte Aufbauarbeit und sehr viel Ehrenamt.
Bestand und Bedarf haben wir deshalb nicht per Fragebogen erhoben. Sie entstanden in moderierten Workshops mit einer Lenkungsgruppe aus Kreisverwaltung, Feuerwehren, Ordnungsbehörden, Forst und Landwirtschaft. Jede Bewertung stellten wir dort vor. Was nicht überzeugte, kam ins Protokoll und wurde nachgearbeitet. Ein Konzept, das über Standorte und Beschaffungen entscheidet, hält nur, wenn die Beteiligten den Weg dorthin kennen.
Was sich übertragen lässt
Fünf Merksätze aus diesem Konzeptbaustein gelten für jeden Kreis. Alle fünf haben eine Gemeinsamkeit. Am Schreibtisch allein lässt sich keiner davon abschließen.
- Szenarien aus der eigenen Risikokarte ableiten. Ein Planungsszenario ist eine Rechengrundlage, keine Prognose. Es muss zum eigenen Gebiet passen, nicht zum Lehrbuch. Welche Szenarien maßgebend sind, klärt sich am besten in einer Runde, in der Kreis, Wehren und Forst gemeinsam am Tisch sitzen.
- Schutzziele stufen. Was jede Kommune allein können muss, gehört klar getrennt von dem, was die überörtliche Ebene sicherstellt. Diese Grenze zu ziehen ist keine Rechenaufgabe, sondern eine Verabredung. Sie hält nur, wenn alle Beteiligten sie mitgetragen haben.
- Bedarf als Einsatzwert formulieren. Wirktiefe und Wirkbreite lassen sich üben und abnehmen, eine Geräteliste nicht. Der Vorteil zeigt sich in der Sitzung. Über eine messbare Fähigkeit lässt sich sachlich streiten, über ein Fahrzeugmodell selten.
- Bestehende Strukturen ertüchtigen. Eine vorhandene überörtliche Bereitschaft mit ergänzender Ausstattung ist schneller einsatzbereit als jede neu gegründete Einheit. Wer wessen Technik künftig mitnutzt, ist der Punkt, an dem es im Raum still wird. Genau dafür braucht es einen moderierten Termin und ein Protokoll.
- Mindestmerkmale statt Fahrzeugtypen fordern. Wer Fähigkeiten ausschreibt, kann Bestand anrechnen und muss weniger neu beschaffen. Was dabei ersetzt, abgegeben oder gemeinsam vorgehalten wird, sollte niemand per Rundmail entscheiden.
Steht bei Ihnen ein Vegetationsbrandkonzept an?
Sie planen ein Wald- und Vegetationsbrandkonzept oder wollen Schutzziel und Ausstattung Ihres Kreises überprüfen lassen? Wir arbeiten mit derselben Methodik, von der Risikoanalyse über die Planungsszenarien bis zum SOLL/IST-Abgleich.
Schemagrafik ohne Auftraggeberdaten. Der SOLL/IST-Vergleich zeigt das Format der Bewertung, nicht den Bestand des Auftraggebers.